Der innere Kritiker: Warum Selbstmitgefühl gerade Menschen mit hohem Anspruch schwerfällt

Birthe Claußen
von Birthe Claußen

Es sind oft nicht die Menschen, die laut scheitern, die sich selbst am härtesten behandeln.

Es sind die, die funktionieren. Die Verantwortung übernehmen. Die zuverlässig sind. Die durchhalten, wenn andere längst aussteigen. Die, von denen man sagt: „Auf die ist Verlass.“

Und genau diese Menschen sitzen mir häufig gegenüber und sagen leise, fast entschuldigend:
„Ich weiß ja, dass ich netter mit mir sein sollte. Aber ich kann das einfach nicht.“

Selbstmitgefühl klingt für sie nicht tröstlich. Es klingt fremd. Weich. Verdächtig. Als würde etwas Wichtiges verloren gehen, wenn man nachlässt.

Das ist kein Zufall. Und schon gar kein persönliches Versagen.

Junge Frau blickt nachdenklich in einen Spiegel – Sinnbild für inneren Kritiker und Selbstkritik.

Wenn der innere Kritiker zur Lebensversicherung wird

Viele leistungsorientierte Menschen haben früh gelernt, dass innere Härte Sicherheit schafft. Dass Kontrolle schützt. Dass Wachsamkeit verhindert, zu versagen, enttäuschend zu sein oder den Halt zu verlieren.

Der innere Kritiker übernimmt dabei eine zentrale Funktion. Er ist nicht einfach eine innere Stimme, die kritisiert – er ist ein inneres Frühwarnsystem. Er sorgt dafür, dass man vorbereitet ist, angepasst bleibt, leistungsfähig funktioniert. Dass man nicht zu viel Raum einnimmt, keine Schwäche zeigt, nicht angreifbar wird.

Psychologisch betrachtet ist dieser innere Kritiker häufig das Ergebnis verinnerlichter Beziehungserfahrungen. Dort, wo Anerkennung an Leistung geknüpft war. Wo Fehler Konsequenzen hatten. Wo Zuwendung unsicher war oder Bedingungen hatte.

Die innere Strenge wird dann zu einer Form von Selbstschutz: Wenn ich streng mit mir bin, kann ich verhindern, dass andere es tun.

Warum Selbstmitgefühl sich mit einem starken inneren Kritiker falsch anfühlen kann

Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum Selbstmitgefühl für viele Menschen nicht automatisch entlastend wirkt. Im Gegenteil: Es kann sich irritierend, unangenehm oder sogar bedrohlich anfühlen.

Selbstmitgefühl bedeutet, innezuhalten, wo man sonst antreibt. Es bedeutet, sich zuzuwenden, wo man sonst bewertet. Und genau das kann im Inneren Alarm auslösen.

Denn was, wenn ohne Selbstkritik alles auseinanderfällt? Was, wenn Nachsicht gleichbedeutend ist mit Kontrollverlust? Was, wenn man dann wirklich nicht mehr genügt?

Das Nervensystem reagiert auf diese Fragen nicht rational, sondern emotional. Selbstmitgefühl wird dann nicht als Ressource erlebt, sondern als Gefahr für ein inneres Gleichgewicht, das sich über Jahre bewährt hat.

Nicht, weil Selbstmitgefühl falsch wäre, sondern weil das System etwas anderes gelernt hat.

Der innere Kritiker bei leistungsorientierten Menschen

Unsere Gesellschaft belohnt Leistungsfähigkeit, Selbstdisziplin und Durchhaltevermögen. Wer viel trägt, gilt als stark. Wer Pausen braucht, als ineffizient. Wer zweifelt, als nicht belastbar.

Menschen mit hohen Ansprüchen an sich selbst haben diese Logik oft besonders tief verinnerlicht. Sie spüren früh, dass sie funktionieren können. Dass sie Verantwortung übernehmen. Dass sie gebraucht werden – und dafür Anerkennung bekommen.

Was dabei häufig übersehen wird: Der Preis ist eine permanente innere Selbstbeobachtung. Ein ständiges inneres Korrigieren. Eine innere Stimme, die selten zufrieden ist und kaum Ruhe gibt.

Der innere Kritiker sorgt dafür, dass man weiter macht. Aber er sorgt auch dafür, dass man sich selbst kaum noch spürt. 

Hohe Ansprüche sind kein Charakterfehler

Hohe Ansprüche sind kein Zeichen von Überempfindlichkeit. Und auch kein persönlicher Makel. Sie sind oft Ausdruck von Anpassung, von Verantwortung, von dem Versuch, in einem anspruchsvollen Umfeld bestehen zu können.

Problematisch wird es dort, wo Selbstkritik zur einzigen inneren Orientierung wird. Wo jede Regung sofort bewertet, jede Erschöpfung infrage gestellt, jedes Bedürfnis relativiert wird.

Selbstmitgefühl würde bedeuten, diesen inneren Automatismus zu unterbrechen. Nicht alles sofort einzuordnen. Nicht alles zu optimieren. Und genau das widerspricht häufig dem inneren Vertrag, der lange Sicherheit gegeben hat.

Den inneren Kritiker verstehen, statt ihn zu bekämpfen

Es ist selten hilfreich, den inneren Kritiker loswerden zu wollen. Er ist nicht entstanden, um zu schaden, sondern um zu schützen.

Vielleicht hat er geholfen, durch Überforderung zu kommen.
Vielleicht durch frühe Verantwortung.
Vielleicht durch ein Umfeld, in dem Schwäche keinen Platz hatte.

Selbstmitgefühl beginnt deshalb nicht mit Freundlichkeit, sondern mit Verstehen. Mit der Anerkennung, dass diese innere Stimme eine Geschichte und eine Funktion hat.

Erst wenn diese Funktion gesehen wird, kann sich langsam etwas verändern. Nicht abrupt. Nicht durch gute Vorsätze. Sondern durch Beziehung – auch nach innen.

Selbstmitgefühl ist kein Leistungsabfall

Ein verbreiteter Irrtum ist die Vorstellung, Selbstmitgefühl mache nachlässig oder schwach.

Psychologische Forschung zeigt vielmehr: Menschen, die weniger hart mit sich umgehen, sind langfristig stabiler, emotional regulierter und weniger erschöpft.

Aber Selbstmitgefühl lässt sich nicht erzwingen.
Es ist keine Technik und keine neue Methode zur Selbstoptimierung.

Es entsteht dort, wo innere Sicherheit wächst. Wo das Nervensystem lernt: Ich darf existieren, auch ohne mich permanent zu korrigieren.

Ein leiser Perspektivwechsel

Vielleicht geht es nicht darum, sofort liebevoll mit dir zu sein.
Vielleicht reicht es fürs Erste, weniger hart zu urteilen.

Vielleicht ist der erste Schritt nicht Selbstmitgefühl, sondern Respekt – für das, was dich geprägt hat. Für das, was dich stark gemacht hat. Und für das, was dich müde gemacht hat.

Und vielleicht darf Selbstmitgefühl genau dort beginnen:
Nicht als neue Forderung.
Sondern als vorsichtige Erlaubnis, dich selbst nicht länger als Problem zu betrachten.

Birthe Claußen
Birthe Claußen
Ich bin Birthe, Gründerin von muutu und Aktivistin für psychische Gesundheit. Und nein – bei muutu geht’s nicht um Wellness, nicht um Selbstoptimierung und schon gar nicht um „Tschaka, du schaffst das!“-Coaching. Hier gibt’s keine schnellen Tipps oder gut gemeinte Ratschläge, sondern echte, nachhaltige Veränderungsprozesse. Es geht ums große Ganze: um deine Wünsche und Ängste, um alte Muster und neue Wege. Um psychische Gesundheit – tiefgehend, ehrlich und langfristig. Weil das Leben nicht nur besser funktioniert, wenn du dich veränderst, sondern sich wirklich gut anfühlen darf.

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