
Es passiert oft leise. Ein falsches Wort im Gespräch. Eine Entscheidung, die sich im Nachhinein falsch anfühlt. Ein Projekt, das scheitert. Ein Moment, in dem wir denken: Das hätte ich besser wissen müssen.
Fehler treffen selten nur die Sachebene. Sie treffen fast immer auch unser Selbstbild. Und manchmal sogar unseren Selbstwert.
Dabei sind Fehler etwas zutiefst Menschliches. Sie gehören zum Leben wie Atemzüge und Zweifel. Trotzdem behandeln wir sie häufig wie einen Makel, den es möglichst zu vermeiden gilt. Oder schlimmer noch: wie einen Beweis dafür, dass mit uns etwas nicht stimmt.
Doch psychologisch betrachtet erzählen Fehler eine ganz andere Geschichte.

Unser Gehirn ist kein Perfektionsapparat. Es ist ein Lernsystem. Und Lernen funktioniert nicht ohne Abweichung, Irrtum und Korrektur.
In der Psychologie gelten Fehler als Lernsignale: Sie zeigen an, dass eine Annahme nicht gepasst hat, dass ein Weg nicht funktioniert oder dass etwas neu justiert werden darf. Genau an diesen Punkten findet Entwicklung statt.
Kinder lernen laufen, indem sie hinfallen. Niemand käme auf die Idee, sie dafür zu beschämen. Im Erwachsenenleben ändert sich das plötzlich. Da sollen wir funktionieren, richtig entscheiden, souverän handeln – möglichst ohne Umwege.
Das Problem ist nicht der Fehler selbst. Das Problem ist, was wir innerlich daraus machen.
Gerade bei chronischem Stress oder hoher innerer Anspannung wird das Fehlermachen als Bedrohung erlebt. Das Nervensystem geht in Alarm, der Blick verengt sich, und aus einem sachlichen Lernmoment wird eine emotionale Krise. Wie sehr Stress unsere Wahrnehmung verzerrt, habe ich auch im Artikel „Wenn alles zu viel wird – was chronischer Stress mit deinem Gehirn macht“ näher beschrieben.
Fast niemand reagiert auf eigene Fehler neutral. Meist meldet sich sofort eine innere Stimme.
„Wie konntest du nur?“
„Typisch.“
„Das passiert auch nur dir.“
In der Psychologie sprechen wir hier vom inneren Kritiker – einem inneren Anteil, der bewertet, kontrolliert und oft gnadenlos urteilt. Häufig hat diese Stimme eine lange Geschichte. Sie entsteht nicht aus Boshaftigkeit, sondern aus Anpassung: an Erwartungen, Leistungsdruck, frühe Erfahrungen von Kritik oder Beschämung.
Der innere Kritiker glaubt, uns schützen zu müssen. Vor Ablehnung. Vor Fehlern. Vor erneuten Verletzungen. Doch sein Ton ist selten hilfreich. Statt Lernen zu ermöglichen, erzeugt er Scham, Angst und Rückzug.
Besonders problematisch wird es, wenn Fehler nicht mehr als Handlungen gesehen werden, sondern als Persönlichkeitsurteile: Ich bin falsch. Ich bin nicht gut genug.
Viele Menschen würden von sich sagen, sie seien „halt ein bisschen perfektionistisch“. Doch Perfektionismus ist keine harmlose Eigenschaft. Er ist eine psychische Strategie.
Perfektionismus entsteht oft dort, wo Fehler früher mit Liebesentzug, Kritik oder Abwertung verbunden waren. Wer perfekt ist, macht keine Angriffsfläche. So zumindest die Hoffnung.
Psychologisch gesehen bedeutet Perfektionismus:
ständig unter innerer Beobachtung zu stehen,
sich selbst kaum Pausen zu erlauben,
Erfolg nie als genug zu empfinden
und Fehler als Gefahr zu erleben.
Das Nervensystem bleibt dabei dauerhaft angespannt. Studien zeigen, dass ausgeprägter Perfektionismus mit einem erhöhten Risiko für Erschöpfung, Depressionen und Angststörungen einhergeht. Nicht, weil Menschen zu hohe Standards haben, sondern weil sie sich selbst keine Menschlichkeit zugestehen.
In einer Leistungsgesellschaft, die Funktionieren belohnt, wird Perfektionismus oft sogar noch gefeiert. Warum das langfristig krank macht, thematisiere ich auch im Artikel „In was für einer Welt leben wir eigentlich?“.
Der entscheidende Unterschied liegt nicht darin, ob wir Fehler machen. Sondern darin, wie wir ihnen innerlich begegnen.
Wenn Fehler nicht sofort mit Selbstabwertung beantwortet werden, entsteht Raum:
für Neugier statt Angst,
für Lernen statt Erstarrung,
für Entwicklung statt Vermeidung.
In der therapeutischen und beratenden Arbeit zeigt sich immer wieder: Menschen werden nicht stabiler, weil sie fehlerfrei sind. Sie werden stabiler, weil sie mit Fehlern umgehen können, ohne sich selbst zu verlieren.
Fehlerfreundlichkeit ist keine Gleichgültigkeit. Sie ist eine Form von innerer Sicherheit.
Vielleicht geht es gar nicht darum, Fehler endlich „besser wegzustecken“. Vielleicht geht es darum, sie nicht mehr als Beweis gegen dich zu lesen.
Du bist nicht die Summe deiner Fehlentscheidungen. Du bist ein Mensch, der lernt, tastet, korrigiert und wächst – oft unter Bedingungen, die wenig Raum für Menschlichkeit lassen.
Fehler erzählen nicht, dass du gescheitert bist. Sie erzählen, dass du unterwegs bist. Und manchmal ist genau das der mutigste Teil.
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