
Es gibt diese Tage, an denen du morgens aufwachst und irgendetwas in dir bereits müde ist, bevor der Tag richtig begonnen hat. Nichts Dramatisches, aber auch nichts Leichtes. Ein diffuses Gefühl von „Ich kann heute nicht so, wie ich gerne würde“.
Und trotzdem beginnt sofort das innere Flüstern: Reiß dich zusammen. Andere schaffen das doch auch. Du musst funktionieren.
Genau hier liegt der Kern unseres Problems. Nicht in der Emotion, nicht in der Schwäche, nicht im Unfertigen. Sondern in der Erwartung, dass wir immer reibungslos funktionieren sollten – als gäbe es nur zwei Modi: on oder aus.
Doch das Leben ist kein technisches Gerät. Und du bist kein Algorithmus.

Wir Leben in einer Welt, die Gleichmäßigkeit belohnt: produktiv, leistungsbereit, freundlich, stabil. Alles, was davon abweicht – Müdigkeit, Überforderung, emotionale Schwankungen – wirkt plötzlich wie ein Störfaktor.
Dabei sind genau diese Zustände völlig normale Reaktionen auf Belastung. Im Blogartikel "In was für einer Welt leben wir eigentlich?" gehe ich darauf ein, wie stark äußere Rahmenbedingungen unser Erleben beeinflussen. Vieles, was wir als persönliches Scheitern missverstehen, ist eine ganz natürliche Reaktion auf chronischen Druck.
Psychologisch betrachtet gehört es zur menschlichen Grundausstattung, zu schwanken. Kein Nervensystem dieser Welt ist dafür gemacht, ohne Pausen und ohne emotionale Kurven durch den Alltag zu laufen. Und trotzdem halten viele Menschen an dem Ideal fest, immer stabil sein zu müssen.
Wenn du traurig bist, überfordert oder gereizt, dann bedeutet das nicht, dass du schwach bist. Es bedeutet, dass dein System reagiert.
Emotionen sind Informationssignale. Sie zeigen dir, dass es Grenzen gibt, Bedürfnisse, Verletzungen, Wünsche, Überlastungen.
Und Überforderung ist kein persönlicher Makel, sondern eine neurobiologische Reaktion – wie ich in "Wenn alles zu viel wird – Was chronischer Stress mit deinem Gehirn macht" genauer erkläre.
Das Problem ist selten das Gefühl an sich. Das Problem ist die Scham darüber.
Das Gefühl, „falsch“ zu sein, weil du heute nicht großzügig, nicht belastbar, nicht organisiert, nicht lächelnd bist. Doch all diese Erwartungen stammen nicht aus deinem Kern. Sie stammen aus Rollen, Normen, Vergleichen, aus Idealen, die niemand dauerhaft erfüllen kann.
Vielleicht kennst du ein inneres Selbstbild, das du gerne aufrechterhältst: du bist stark, klar, lösungsorientiert, belastbar. Und dann gibt es diese andere Version von dir: müde, unstrukturiert, überfordert, verletzlich.
Viele Menschen glauben, diese zweite Version sei ein Schatten, den man möglichst gut verbergen sollte. Dabei ist sie genauso wahr – und genauso wertvoll.
Psychologisch spricht man davon, dass ein stabiles Selbstkonzept nicht durch Perfektion entsteht, sondern durch Integration. Erst wenn alle Anteile ihren Platz haben – die starken und die verletzlichen –, entsteht ein authentisches, robustes Selbstbild.
Schwäche ist kein Fehler. Schwäche ist ein Hinweis – auf Bedürfnisse, Grenzen, Erschöpfung, auf etwas, das gesehen werden möchte. Und manchmal ist das, was du als Schwäche empfindest, sogar der Versuch deines Systems, dich zu schützen: indem es dich bremst, Energie spart oder dir signalisiert, dass etwas schlicht zu viel ist.
Wenn du beginnst, diese Anteile nicht als Gegner, sondern als Verbündete zu sehen, verändert sich der Umgang mit dir selbst. Plötzlich geht es nicht mehr um Überwindung, sondern um Verständnis. Nicht mehr um Kontrolle, sondern um Verbindung.
Vielleicht ist das der schwerste Schritt: nicht sofort zu reagieren. Nicht zu bewerten. Nicht dich innerlich zu beschleunigen. Sondern einen Moment innezuhalten und zu sagen: Es ist okay, nicht okay zu sein.
Aus psychologischer Sicht ist das der Beginn von Selbstmitgefühl – einer Haltung, die nachgewiesenermaßen Scham reduziert, Stress senkt und das emotionale Gleichgewicht stärkt.
Es geht nicht darum, dich in negativen Zuständen einzurichten. Es geht darum, sie nicht zusätzlich mit Härte, Selbstvorwürfen oder Vergleichsdruck zu überlagern.
Du musst nicht sofort eine Lösung finden.
Du musst dich nicht sofort „zusammenreißen“.
Du musst dich nicht schuldig fühlen, weil du heute weniger kannst.
Manchmal ist das Mildeste, das du tun kannst, bereits genug.
Vielleicht ist der wichtigste Satz dieses Artikels der einfachste: Es ist okay, nicht okay zu sein. Nicht als Floskel, nicht als Trostsatz, nicht als Social-Media-Quote. Sondern als eine tiefe, menschliche Wahrheit.
Emotionen sind kein Problem. Schwäche ist kein Problem. Du bist kein Problem. Du bist ein Mensch. Mit Höhen, Tiefen, Brüchen, Fragen, Zweifeln und Phasen, die sich schwer anfühlen dürfen.
Und vielleicht beginnt genau hier etwas Neues:
Nicht die perfekte Version von dir.
Sondern die echte.
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