
Es gibt Gefühle, die laut sind. Wut zum Beispiel. Oder Angst. Und es gibt Gefühle, die leise werden lassen. Scham gehört dazu.
Sie kommt oft nicht mit einem klaren Signal, sondern mit einem Rückzug. Mit einem kurzen Innehalten, einem gesenkten Blick, einem inneren „Ich bin falsch“. Manchmal ist sie kaum greifbar und gleichzeitig durchdringt sie alles. Gedanken, Körper, Beziehungen.
Scham ist eines der mächtigsten Gefühle, die wir kennen. Und eines der am wenigsten verstandenen.

Scham ist kein einfaches Gefühl. Sie ist ein Zustand.
Neurobiologisch betrachtet aktiviert Scham ähnliche Netzwerke wie soziale Ausgrenzung. Das Gehirn reagiert auf Beschämung, als wäre Zugehörigkeit bedroht – und damit etwas Existenzielles. Regionen wie die Amygdala schlagen Alarm, während gleichzeitig der präfrontale Cortex, der für Einordnung und Selbstregulation zuständig ist, weniger zugänglich wird.
Was folgt, ist kein aktives „Ich denke jetzt…“, sondern ein inneres Kollabieren.
Viele Menschen beschreiben es so:
Ich werde ganz klein.
Ich will verschwinden.
Ich kann nicht mehr klar denken.
Das ist kein Zufall.
Der Körper geht in eine Form von Erstarrung – ein uraltes Schutzprogramm. Statt zu kämpfen oder zu fliehen, ziehen wir uns innerlich zurück. Die Aufmerksamkeit richtet sich nicht mehr nach außen, sondern gegen uns selbst.
Psychodynamisch gesprochen wird das Selbst zum Objekt der Bewertung. Wir sehen uns nicht mehr als fühlendes Subjekt, sondern als etwas, das falsch ist.
Nicht: Ich habe etwas falsch gemacht.
Sondern: Ich bin falsch.
Und genau hier liegt die zerstörerische Kraft von Scham.
Niemand kommt mit Scham auf die Welt.
Kinder entwickeln sie in Beziehung. In Momenten, in denen sie sich zeigen – mit ihren Bedürfnissen, ihrer Freude, ihrer Wut – und dabei auf Ablehnung, Abwertung oder Überforderung stoßen.
Das müssen keine dramatischen Situationen sein.
Manchmal sind es kleine, wiederkehrende Erfahrungen:
Ein genervter Blick.
Ein „Stell dich nicht so an.“
Ein Lachen im falschen Moment.
Oder das Gefühl, zu viel zu sein. Oder nicht genug.
Für ein Kind sind solche Momente nicht einfach nur unangenehm. Sie sind existenziell. Denn Zugehörigkeit ist nicht verhandelbar – sie ist überlebenswichtig.
Wenn ein Kind also spürt: So, wie ich bin, ist es nicht richtig, dann gibt es nur zwei Möglichkeiten:
Entweder die Beziehung ist unsicher – oder ich selbst bin falsch.
Und Kinder entscheiden sich fast immer für Letzteres.
So entsteht das, was wir später oft als „toxische Scham“ bezeichnen: eine tief verankerte Überzeugung, nicht zu genügen, nicht liebenswert zu sein, nicht richtig zu sein.
Diese Überzeugung ist kein Gedanke. Sie ist ein Gefühl, das sich wie Wahrheit anfühlt.
Scham und Schuld werden oft verwechselt – dabei unterscheiden sie sich grundlegend.
Schuld bezieht sich auf Verhalten. Ich habe etwas getan, das nicht in Ordnung war.
Scham bezieht sich auf das Selbst. Mit mir stimmt etwas nicht.
Schuld kann regulierend wirken. Sie ermöglicht Verantwortung, Wiedergutmachung, Entwicklung. Sie lässt Raum für Veränderung, weil sie nicht das ganze Selbst infrage stellt.
Scham hingegen wirkt global. Sie greift die Identität an.
Während Schuld sagt: Du hast einen Fehler gemacht, sagt Scham: Du bist der Fehler.
Und genau deshalb führt Scham so häufig in Rückzug, Vermeidung und innere Isolation. Denn wenn ich selbst falsch bin – wie soll ich mich dann zeigen?
Scham trennt nicht nur von uns selbst. Sie trennt auch von anderen.
Menschen, die stark von Scham geprägt sind, erleben oft ein paradoxer Dynamik: den tiefen Wunsch nach Nähe – und gleichzeitig die Angst, gesehen zu werden.
Denn gesehen zu werden bedeutet immer auch: bewertet werden.
Also entstehen Strategien. Perfektionismus. Anpassung. Rückzug. Überverantwortung. Oder auch Angriff, bevor man selbst angegriffen werden kann.
All diese Strategien haben einen gemeinsamen Kern: Sie schützen vor Beschämung.
Aber sie haben einen Preis. Sie verhindern echte Begegnung.
Denn dort, wo Scham wirkt, zeigen wir uns nicht wirklich. Wir zeigen Versionen von uns, von denen wir hoffen, dass sie akzeptiert werden.
Und gleichzeitig bleibt dieses leise Gefühl: Wenn sie wüssten, wie ich wirklich bin…
So paradox es klingt: Scham entsteht in Beziehung und sie kann auch nur in Beziehung heilen.
Nicht durch Einsicht allein. Nicht durch „positives Denken“. Und auch nicht durch den Versuch, sich einfach anders zu fühlen.
Sondern durch eine neue Erfahrung. Eine Erfahrung, in der etwas, das lange mit Scham verbunden war, auf etwas anderes trifft:
auf Verständnis.
auf Mitgefühl.
auf ein Gegenüber, das bleibt.
Neurobiologisch bedeutet das: Das Bedrohungssystem wird nicht weiter aktiviert, sondern reguliert. Der präfrontale Cortex bleibt zugänglich, das Erleben kann integriert werden. Es entsteht ein neuer neuronaler Zusammenhang: Ich kann mich zeigen und ich werde nicht verlassen.
Psychodynamisch gesprochen wird das beschämte Selbst in Beziehung gehalten, statt abgespalten zu werden.
Das ist kein schneller Prozess. Und oft auch kein linearer. Aber es ist ein zutiefst menschlicher.
Denn wir lernen nicht allein, dass wir „okay“ sind. Wir lernen es in Begegnung.
Vielleicht kennst du dieses Gefühl, dich klein zu machen. Dich zurückzunehmen. Dich innerlich zu hinterfragen, noch bevor jemand anderes es tut.
Vielleicht gibt es Anteile in dir, die du lieber versteckst. Oder Momente, in denen du dich selbst kaum aushalten kannst.
Wenn das so ist, dann ist das kein Zeichen von Schwäche. Und auch kein persönliches Versagen. Es ist ein Hinweis auf etwas, das einmal Sinn gemacht hat. Auf eine Anpassung. Auf einen Schutz.
Scham ist nicht dein Feind. Aber sie ist auch nicht die Wahrheit über dich.
Und vielleicht beginnt Veränderung nicht damit, sie loszuwerden. Sondern damit, sie zu verstehen. Und sie nicht mehr allein tragen zu müssen.
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