
Es gibt diese Momente, in denen alles schiefzugehen scheint. Du hast etwas vergessen, falsch eingeschätzt, zu viel versprochen. Vielleicht bist du müde, gereizt, nicht mehr so belastbar wie sonst. Und irgendwo zwischen schlechtem Gewissen und innerem Druck taucht dann dieser Satz auf: „Ich müsste jetzt liebevoller mit mir sein.“
Was oft folgt, ist ein weiterer Anspruch. Noch etwas, das man „richtig“ machen sollte.
Selbstmitgefühl hat inzwischen einen guten Ruf. Es klingt warm, weich, heilsam. Gleichzeitig bleibt es vage. Viele verbinden es mit Schaumbädern, Pausen, sich etwas gönnen. Mit Nachsicht. Oder mit einem mentalen Schulterklopfen: Ist doch nicht so schlimm.
Psychologisch betrachtet greift das zu kurz. Und verfehlt den Kern.

Selbstmitgefühl ist kein Zustand und keine Technik. Es ist eine innere Haltung – vor allem in Momenten, in denen es unangenehm wird. Dort, wo Fehler sichtbar werden, wo Scham auftaucht, wo Selbstzweifel laut werden.
Es beschreibt die Fähigkeit, sich selbst im eigenen Leiden nicht zu verlassen.
Das klingt schlicht. Ist aber anspruchsvoll. Denn unser automatischer innerer Umgang in Belastung ist oft ein anderer: kritisch, antreibend, abwertend. Viele Menschen haben früh gelernt, dass Härte mit sich selbst als Stärke gilt. Dass man funktioniert. Weitermacht. Sich zusammenreißt.
Selbstmitgefühl setzt genau hier an – nicht, um etwas „schöner“ zu machen, sondern um es überhaupt erst auszuhalten.
Ein häufiges Missverständnis: Wer selbstmitfühlend ist, nimmt sich nicht mehr ernst. Lässt Dinge schleifen. Redet sich alles schön.
Doch Selbstmitgefühl bedeutet nicht, Verantwortung aufzugeben. Im Gegenteil. Es ermöglicht erst, Verantwortung zu übernehmen, ohne innerlich zu zerbrechen.
Selbstnachsicht vermeidet den Schmerz. Selbstmitgefühl bleibt bei ihm.
Es sagt nicht: „Egal, passiert halt.“
Sondern: „Das ist gerade schwierig. Und es berührt etwas in mir.“
Diese Haltung macht handlungsfähig. Nicht, weil sie Druck erzeugt, sondern weil sie den inneren Kampf beendet. Wer sich nicht zusätzlich beschämt, kann klarer sehen, was wirklich gebraucht wird – Veränderung, Grenzen, Unterstützung oder schlicht Zeit.
In Krisen greifen die gewohnten Strategien oft nicht mehr. Leistung, Kontrolle, Durchhalten – all das verliert an Wirkung. Zurück bleibt ein Gefühl von Versagen.
Genau hier zeigt sich, ob Selbstmitgefühl mehr ist als ein wohlklingendes Konzept.
Psychologisch betrachtet aktiviert Selbstmitgefühl keine „Wohlfühlzone“, sondern ein Sicherheitssystem. Es reguliert Stress, dämpft übermäßige Selbstkritik und schafft inneren Raum. Nicht, um Probleme zu verdrängen, sondern um ihnen begegnen zu können, ohne sich selbst zum Gegner zu machen.
Menschen mit einem mitfühlenderen inneren Umgang sind nicht weniger ehrgeizig oder reflektiert. Sie sind oft realistischer. Fehler werden nicht zum Beweis persönlicher Unzulänglichkeit, sondern zu Teil eines menschlichen Erlebens, das alle teilen.
Das entlastet. Und verbindet.
Ironischerweise wird Selbstmitgefühl selbst oft optimiert. „Ich muss achtsamer sein.“ „Ich müsste freundlicher mit mir sprechen.“
Damit wird aus einer entlastenden Haltung ein weiterer innerer Antreiber.
Doch Selbstmitgefühl lässt sich nicht erzwingen. Es entsteht nicht aus dem Anspruch, etwas besser zu machen, sondern aus dem Mut, ehrlich hinzuschauen. Auch auf das Unangenehme. Auch auf Widerstände.
Manchmal beginnt es schlicht mit dem Satz: „So wie es gerade ist, ist es schwer.“ Ohne Lösung. Ohne Bewertung.
Selbstmitgefühl bedeutet nicht, sich ständig gut zu fühlen. Es bedeutet, sich nicht zu verlieren, wenn es schwer wird.
Nicht nett. Sondern wahrhaftig.
Nicht bequem. Sondern tragfähig.
Vielleicht ist das der eigentliche Perspektivwechsel:
Selbstmitgefühl ist kein Extra für gute Tage. Es ist eine innere Beziehung, die gerade dann trägt, wenn nichts mehr glatt läuft. Und genau deshalb so wertvoll.
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