Wie der Glaube an Selbstverwirklichung uns krank macht

Birthe Claußen
von Birthe Claußen

Selbstverwirklichung in der Leistungsgesellschaft – eine stille Überforderung

Es klingt nach Freiheit. Nach Möglichkeiten. Nach einem Versprechen, das uns aus engen Lebensentwürfen befreien soll: Du kannst alles sein. Du musst nur deinen Weg gehen.

Selbstverwirklichung ist eines der großen Leitmotive unserer Zeit. Kaum ein Begriff wirkt so positiv aufgeladen, so fortschrittlich, so menschlich. Und doch berichten immer mehr Menschen davon, dass sie sich erschöpft fühlen, leer, unter Druck obwohl sie doch eigentlich „ihr Ding machen“.

Vielleicht liegt genau darin das Problem.

Zwei Menschen stehen auf einem Berggipfel über einer nebelverhangenen Landschaft – Symbol für Selbstverwirklichung und Leistungsdruck in der modernen Leistungsgesellschaft.

Freiheit mit Bedingungen

Selbstverwirklichung wird selten als Zwang erzählt. Sie kommt nicht als Befehl daher, sondern als Einladung. Als freundliche Aufforderung, das eigene Potenzial zu entfalten, aus sich „mehr zu machen“. Wer könnte etwas dagegen haben?

Doch in der Leistungsgesellschaft ist Selbstverwirklichung längst nicht mehr nur eine Möglichkeit. Sie ist zur Norm geworden. Zu einer Erwartung, die subtil, aber wirksam wirkt. Denn Freiheit wird hier an Bedingungen geknüpft: Du darfst frei sein, wenn du etwas aus dieser Freiheit machst. Wenn du erfolgreich bist. Sichtbar. Produktiv. Besonders.

Was früher äußere Pflichten waren, ist heute zu einem inneren Auftrag geworden. Nicht mehr das System sagt dir, was du zu tun hast – du sagst es dir selbst.

Vom Versprechen zur Verpflichtung

Psychologisch betrachtet ist das eine heikle Verschiebung. Denn sobald Ideale verinnerlicht werden, brauchen sie keine Kontrolle von außen mehr. Der Druck kommt dann nicht vom Chef, von der Gesellschaft oder von klaren Regeln, sondern aus dem eigenen Inneren.

Der Gedanke, man müsse sich selbst verwirklichen, erzeugt genau diesen Effekt. Er verwandelt das Leben in ein Projekt. Entscheidungen werden zu Optimierungsfragen. Pausen zu Rechtfertigungsproblemen. Zweifel zu persönlichem Versagen.

Nicht zufällig berichten viele Menschen davon, dass sie sich trotz Freiheit und Wahlmöglichkeiten ständig unter Spannung fühlen. Dass sie sich fragen, ob sie „genug“ aus ihrem Leben machen. Ob sie ihr Potenzial verschwenden. Ob sie falsch abgebogen sind.

Dieser innere Druck ist kein individuelles Problem – er ist das Resultat eines gesellschaftlichen Narrativs.

Selbstverwirklichung passt perfekt zur Leistungsgesellschaft

Die Leistungsgesellschaft liebt Selbstverwirklichung. Denn sie übersetzt strukturelle Anforderungen in persönliche Ziele. Aus „Du musst funktionieren“ wird „Du willst doch wachsen“. Aus Anpassung wird Selbstentfaltung. Aus Ausbeutung wird Motivation.

So entsteht eine merkwürdige Doppelbewegung: Einerseits sollen wir authentisch sein, unseren eigenen Weg gehen, uns nicht verbiegen. Andererseits sollen wir genau dabei leistungsfähig, belastbar und erfolgreich bleiben. Die Verantwortung für dieses Spagat wird dem Einzelnen überlassen.

Wenn das nicht gelingt, liegt es angeblich an mangelnder Klarheit, falschem Mindset oder fehlender Selbstdisziplin. Dass die Anforderungen selbst krank machen könnten, gerät dabei aus dem Blick.

Warum dieses Denken vielen Menschen schadet, habe ich im Artikel „Beste Version deiner selbst? Warum das Konzept uns krank macht“ bereits auf individueller Ebene beschrieben. Doch der gesellschaftliche Rahmen, in dem dieses Ideal entstanden ist, verstärkt den Effekt erheblich.

Die psychischen Kosten eines großen Ideals

Die Folgen dieser Dynamik zeigen sich leise, aber deutlich. Menschen verlieren den Kontakt zu ihren eigenen Bedürfnissen, weil sie ständig prüfen, ob das, was sie tun, „sinnvoll“ genug ist. Erschöpfung wird übergangen, Zweifel überarbeitet, innere Grenzen ignoriert.

Viele entwickeln ein diffuses Gefühl von Unzulänglichkeit. Sie haben das Gefühl, ständig hinter den eigenen Möglichkeiten zurückzubleiben. Selbst dann, wenn sie objektiv viel leisten. Psychisch ist das ein gefährlicher Zustand, denn Selbstwert wird so an ein Ideal gebunden, das nie vollständig erreichbar ist.

Was als Selbstverwirklichung beginnt, endet nicht selten in chronischem Stress, Antriebslosigkeit oder depressiven Verstimmungen. Nicht, weil Menschen zu wenig an sich arbeiten, sondern weil sie nie aufhören dürfen, es zu tun.

Wie sehr sich dieser Optimierungsdruck in moderne Konzepte eingeschlichen hat, zeigt sich besonders dort, wo eigentlich Entlastung versprochen wird. Mehr dazu findest du im Artikel „Der Selbstoptimierungswahn: Wenn besser nicht besser ist“.

Wenn Sinn zur Pflicht wird

Besonders perfide wird es dort, wo Selbstverwirklichung mit Sinn aufgeladen wird. Arbeiten soll nicht nur Geld bringen, sondern erfüllen. Beziehungen sollen nicht nur tragen, sondern wachsen lassen. Das Leben soll nicht einfach gelebt, sondern maximiert werden.

Doch Sinn lässt sich nicht erzwingen. Und Entwicklung nicht planen wie ein Karriereziel. Wenn alles Bedeutung haben muss, wird selbst das Unperfekte verdächtig. Scheitern verliert seinen Platz. Stillstand wird pathologisiert.

In einer solchen Logik ist es schwer, einfach zu sein. Zu ruhen. Nichts zu optimieren. Nichts aus sich zu machen.

Ein anderes Verständnis von Entwicklung

Psychische Gesundheit braucht etwas anderes als permanente Selbstverwirklichung. Sie braucht einen inneren Boden, der nicht ständig infrage steht. Die Erfahrung, auch dann wertvoll zu sein, wenn man gerade nichts erreicht, nichts verbessert, nichts verändert.

Entwicklung entsteht nicht aus Druck, sondern aus Sicherheit. Aus dem Gefühl, nicht ständig beweisen zu müssen, dass man sein Leben „richtig“ lebt. Wachstum ist möglich, aber nicht verpflichtend.

Wenn du dich tiefer mit den gesellschaftlichen Bedingungen psychischer Belastung auseinandersetzen möchtest, lohnt sich auch ein Blick in „Gesellschaft und psychische Gesundheit: In was für einer Welt leben wir eigentlich?“. Denn individuelle Erschöpfung ist selten nur individuell erklärbar.

Vielleicht müssen wir gar nicht mehr werden

Vielleicht liegt die eigentliche Zumutung unserer Zeit nicht darin, dass wir uns nicht genug verwirklichen, sondern darin, dass wir glauben, es zu müssen. Dass wir vergessen haben, dass ein Mensch kein Projekt ist. Kein unfertiges Produkt. Keine Version, die verbessert werden muss.

Selbstverwirklichung kann ein Geschenk sein, wenn sie aus Freiheit entsteht. Sie wird zur Last, wenn sie zur Pflicht wird.

Wir müssen nicht ständig wachsen, um wertvoll zu sein.
Wir müssen nicht alles aus uns herausholen, um ein gutes Leben zu führen.
Und wir müssen nicht erst jemand werden, um da sein zu dürfen.

Vielleicht beginnt echte Gesundheit genau dort, wo wir aufhören, uns selbst zu überfordern – im Namen eines Ideals, das nie dafür gedacht war, uns krank zu machen.

Birthe Claußen
Birthe Claußen
Ich bin Birthe, Gründerin von muutu und Aktivistin für psychische Gesundheit. Und nein – bei muutu geht’s nicht um Wellness, nicht um Selbstoptimierung und schon gar nicht um „Tschaka, du schaffst das!“-Coaching. Hier gibt’s keine schnellen Tipps oder gut gemeinte Ratschläge, sondern echte, nachhaltige Veränderungsprozesse. Es geht ums große Ganze: um deine Wünsche und Ängste, um alte Muster und neue Wege. Um psychische Gesundheit – tiefgehend, ehrlich und langfristig. Weil das Leben nicht nur besser funktioniert, wenn du dich veränderst, sondern sich wirklich gut anfühlen darf.

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