Warum wir nie gelernt haben, mit Wut umzugehen

Birthe Claußen
von Birthe Claußen

Wenn ein Gefühl keinen Platz hatte

Wut kommt selten laut.

Meist kommt sie leise, verkleidet als Gereiztheit, Rückzug oder Erschöpfung. Als Druck im Brustkorb, als schnelles „Mir ist alles zu viel“, als dieser Moment, in dem schon eine Kleinigkeit reicht, um innerlich zu kippen. Viele Menschen spüren sie und erschrecken dann vor ihr. Nicht, weil sie gefährlich wäre. Sondern weil sie sich verboten anfühlt.

Die meisten von uns haben nie gelernt, mit Wut umzugehen. Nicht, weil wir zu wenig reflektiert wären. Sondern weil Wut in unserer frühen Entwicklung kaum einen sicheren Raum hatte.

Dunkler, kreisförmiger Strudel als Symbol für unterdrückte Wut und innere emotionale Verdichtung

Frühe Botschaften, die bleiben

Kinder kommen nicht wütend zur Welt. Sie kommen mit Bedürfnissen zur Welt.
Wut entsteht, wenn diese Bedürfnisse wiederholt übergangen, nicht verstanden oder beschämt werden.„Sei nicht so laut.“
„Reiß dich zusammen.“
„Dafür gibt es keinen Grund, wütend zu sein.“

Solche Sätze sind selten böse gemeint. Oft entstehen sie aus Überforderung, aus eigenen ungelösten Gefühlen, aus dem Wunsch nach Ruhe oder Kontrolle. Für ein kindliches Nervensystem bedeuten sie jedoch etwas anderes: Dieses Gefühl ist nicht willkommen.
Und noch tiefer: Mit mir stimmt etwas nicht, wenn ich so fühle.

Psychologisch gesprochen werden hier emotionale Grundannahmen geformt. Kinder lernen nicht nur, was sie fühlen, sondern vor allem, was sie fühlen dürfen. Wut fällt dabei besonders häufig durchs Raster weil sie unbequem ist, Grenzen sichtbar macht und Autoritäten infrage stellen kann.

Wut verschwindet nicht – sie sucht sich Wege

Gefühle, die keinen Ausdruck finden dürfen, lösen sich nicht auf. Sie verlagern sich.
Wut, die nicht gefühlt werden darf, wird oft nach innen gezogen. Sie zeigt sich dann als Selbstkritik, als Schuldgefühl, als ständiges Funktionieren. Oder sie verwandelt sich in chronische Anspannung, Erschöpfung oder depressive Verstimmungen.

In meiner Arbeit begegnet mir Wut oft erst sehr spät. Nicht als Thema, sondern als Hintergrundrauschen. Viele Menschen berichten ausführlich über Stress, Überforderung oder Antriebslosigkeit und wundern sich, warum Entlastung so schwerfällt. Wenn wir genauer hinschauen, taucht darunter häufig etwas anderes auf: ein lang unterdrücktes Gefühl von Es reicht.

Wie eng chronischer Stress und unterdrückte Emotionen zusammenhängen, habe ich auch im Artikel „Wenn alles zu viel wird – was chronischer Stress mit deinem Gehirn macht“ beschrieben. Wut ist dabei kein Störfaktor, sondern ein wichtiges Signal.

Gelernte Konfliktschemata

Neben frühen Botschaften prägen auch Beziehungserfahrungen unseren Umgang mit Wut. In vielen Familien wurden Konflikte entweder vermieden oder eskaliert – selten jedoch konstruktiv ausgehalten.

Wer gelernt hat, dass Wut zu Liebesentzug führt, entwickelt häufig ein vermeidendes Konfliktschema: Harmonie um jeden Preis. Eigene Grenzen werden zurückgestellt, Ärger wird geschluckt. Nach außen wirkt das angepasst, nach innen kostet es enorm viel Kraft.

Andere haben erlebt, dass Wut laut, bedrohlich oder verletzend war. Auch hier entsteht kein sicherer Zugang zum Gefühl, sondern Angst davor. Die eigene Wut wird dann entweder rigoros kontrolliert oder bricht unkontrolliert heraus, sobald die innere Spannung zu groß wird.

Beide Muster haben etwas gemeinsam: Sie verhindern echten Kontakt zu anderen und zu sich selbst.

Die internalisierten Normen unserer Gesellschaft

Wut ist nicht nur ein individuelles Thema. Sie ist auch kulturell geprägt.

In einer Leistungsgesellschaft, die Funktionieren belohnt und Anpassung fordert, ist Wut ein Störgeräusch. Sie passt nicht zu Effizienz, Optimierung und permanenter Verfügbarkeit.

Besonders Frauen lernen früh, dass Wut sie „schwierig“, „überemotional“ oder „zu viel“ macht. Stattdessen wird erwartet, verständnisvoll zu sein, auszuhalten, zu regulieren – am besten still. Wut wird hier nicht als gesunde Grenzreaktion gelesen, sondern als Charakterfehler.

Wut als Wegweiser

Dabei ist Wut eines der klarsten emotionspsychologischen Signale, die wir haben. Sie zeigt an, dass etwas nicht stimmt. Dass eine Grenze überschritten wurde. Dass ein Bedürfnis missachtet wird. Sie ist keine Einladung zur Eskalation sondern zur Selbstklärung.

Der Zugang zur eigenen Wut bedeutet nicht, sie ungefiltert auszuleben. Es bedeutet, sie wahrnehmen zu dürfen, ohne sich dafür zu schämen. Zu verstehen, woher sie kommt. Und zu prüfen, was sie schützen möchte.

Oft liegt unter der Wut etwas sehr Verletzliches: Traurigkeit, Ohnmacht, das Gefühl, nicht gesehen worden zu sein. Wer lernt, diese Schichten behutsam zu erkunden, gewinnt nicht Aggression sondern innere Klarheit.

Ein Gefühl, das zurückkommen darf

Vielleicht ist der wichtigste Schritt im Umgang mit Wut nicht, sie „in den Griff zu bekommen“. Sondern ihr zuzuhören.

Nicht jede Wut verlangt nach Handlung. Aber jede verdient Aufmerksamkeit. Denn Gefühle, die wir ernst nehmen, müssen nicht schreien. Sie dürfen sprechen.

Wut ist kein Zeichen von Schwäche. Sie ist ein Zeichen von Lebendigkeit.
Und vielleicht beginnt genau hier etwas Neues: nicht mit Kontrolle, sondern mit Erlaubnis.

Birthe Claußen
Birthe Claußen
Ich bin Birthe, Gründerin von muutu und Aktivistin für psychische Gesundheit. Und nein – bei muutu geht’s nicht um Wellness, nicht um Selbstoptimierung und schon gar nicht um „Tschaka, du schaffst das!“-Coaching. Hier gibt’s keine schnellen Tipps oder gut gemeinte Ratschläge, sondern echte, nachhaltige Veränderungsprozesse. Es geht ums große Ganze: um deine Wünsche und Ängste, um alte Muster und neue Wege. Um psychische Gesundheit – tiefgehend, ehrlich und langfristig. Weil das Leben nicht nur besser funktioniert, wenn du dich veränderst, sondern sich wirklich gut anfühlen darf.

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