Wenn dein Nervensystem nicht mehr runterkommt

Birthe Claußen
von Birthe Claußen

Du sitzt auf dem Sofa. Der Tag ist vorbei, die wichtigsten Dinge sind erledigt. Eigentlich wäre jetzt Zeit, zur Ruhe zu kommen. Aber dein Körper scheint diese Information nicht bekommen zu haben. Die Schultern bleiben angespannt. Im Kopf läuft weiter, was morgen ansteht, was heute liegen geblieben ist und ob du nicht doch noch schnell etwas erledigen solltest. Vielleicht greifst du zum Handy, stehst noch einmal auf, räumst etwas weg. Oder du bleibst sitzen – und merkst erst jetzt, wie unruhig du eigentlich bist.

Manchmal gibt es nicht einmal konkrete Gedanken dazu. Nur dieses diffuse Gefühl, innerlich auf Empfang zu sein. Als müsste gleich noch etwas passieren. Viele Menschen kennen solche Phasen. Besonders irritierend wird es, wenn die Anspannung bleibt, obwohl der eigentliche Stress längst vorbei ist. Der Termin ist geschafft. Die schwierige Woche überstanden. Das Kind schläft. Der Laptop ist zugeklappt. Und trotzdem stellt sich die Ruhe nicht ein.

Wer sein Nervensystem beruhigen möchte, stößt deshalb manchmal auf ein scheinbares Paradox: Es ist ruhig, aber man selbst ist es nicht. Das hat weniger mit mangelnder Entspannungsfähigkeit zu tun, als es zunächst scheint. Denn unser Nervensystem reagiert nicht nur darauf, was gerade in diesem Moment passiert. Es lernt aus dem, was immer wieder passiert.

Person mit sichtbarer innerer Unruhe und Anspannung – wenn das Nervensystem nicht mehr zur Ruhe kommt

Dein Nervensystem fragt nicht zuerst, ob du entspannt sein möchtest

Unser Nervensystem hat eine ziemlich grundlegende Aufgabe: Es soll dafür sorgen, dass wir angemessen auf unsere Umwelt reagieren können. Ein wichtiger Teil davon ist das autonome Nervensystem. Es reguliert zahlreiche körperliche Prozesse, ohne dass wir bewusst darüber nachdenken müssen – etwa Herzschlag, Atmung, Verdauung oder die Anpassung unseres Körpers an Belastung und Erholung.

Vereinfacht gesagt verfügt unser Körper dabei über unterschiedliche Möglichkeiten, auf Situationen zu reagieren. Müssen wir handeln, wird Energie mobilisiert. Wir werden wacher, aufmerksamer und reaktionsbereiter. Ist die Situation sicher, kann der Organismus stärker in Richtung Regeneration, Verdauung und Erholung wechseln. Beides ist sinnvoll. Problematisch ist Stress deshalb nicht grundsätzlich. Im Gegenteil: Die Fähigkeit, kurzfristig in einen Alarmzustand zu wechseln, ist eine wichtige Schutzfunktion. Schwierig wird es eher dann, wenn aus dem Wechsel zwischen Aktivierung und Erholung allmählich ein Dauerzustand wird.

Wenn aus Stress Daueranspannung wird

Stell dir vor, dein Nervensystem wäre ein Rauchmelder. Seine Aufgabe besteht nicht darin, möglichst entspannt zu sein. Seine Aufgabe besteht darin, rechtzeitig Alarm zu schlagen. Unter normalen Bedingungen reagiert er auf Rauch, schlägt Alarm und verstummt wieder, wenn die Gefahr vorüber ist. Wird das System jedoch über längere Zeit immer wieder beansprucht, kann seine Empfindlichkeit steigen. Dann braucht es irgendwann weniger, um Alarm auszulösen.

So ähnlich kann es bei chronischem Stress sein. Wenn über Wochen oder Monate ständig Anforderungen da sind – beruflicher Druck, Konflikte, Care-Arbeit, finanzielle Sorgen, Krankheit, Schlafmangel, permanente Erreichbarkeit oder einfach das Gefühl, für sehr vieles gleichzeitig verantwortlich zu sein –, bekommt das Nervensystem immer wieder dieselbe Botschaft: Bleib aufmerksam. Es gibt gerade viel zu bewältigen. Der Körper passt sich daran an.

Das kann sich ganz unterschiedlich zeigen. Manche Menschen bemerken eine fast permanente innere Unruhe. Andere erschrecken schneller, reagieren empfindlicher auf Geräusche oder fühlen sich ständig gehetzt. Wieder andere können kaum noch still sitzen, springen gedanklich von einem Thema zum nächsten oder merken, dass selbst kleine zusätzliche Anforderungen unverhältnismäßig viel Stress auslösen. Der Organismus ist gewissermaßen auf Bereitschaft eingestellt. Und irgendwann braucht es dafür keinen großen Auslöser mehr.

Wenn das System ständig nach dem Nächsten sucht

Für eine anhaltend erhöhte Wachsamkeit gibt es einen Begriff: Hypervigilanz. Gemeint ist damit eine übermäßige Wachsamkeit gegenüber möglichen Gefahren oder relevanten Reizen. In ausgeprägter Form spielt sie beispielsweise bei Traumafolgestörungen eine Rolle. Eine erhöhte Alarmbereitschaft kann aber auch unabhängig davon auftreten – etwa in längeren Phasen von Stress, Angst oder Unsicherheit.

Im Alltag muss sich das keineswegs dramatisch anfühlen. Manchmal zeigt sie sich viel unscheinbarer. Du betrittst einen Raum und registrierst sofort die Stimmung. Du liest eine Nachricht und suchst zwischen den Zeilen nach einem möglichen Problem. Du wachst morgens auf und dein Kopf beginnt innerhalb weniger Sekunden damit, den Tag durchzugehen. Beim Abendessen fällt dir ein, was du noch vergessen haben könntest. Selbst im Urlaub dauert es mehrere Tage, bis das Gefühl nachlässt, eigentlich etwas tun zu müssen.

Das Gehirn hat gelernt, Aufmerksamkeit bereitzuhalten. Und genau deshalb reicht die Abwesenheit einer akuten Gefahr nicht automatisch aus, damit sich Sicherheit einstellt. Keine Gefahr zu erkennen und sich sicher zu fühlen, sind nicht immer dasselbe.

Warum Ruhe sich plötzlich gar nicht so ruhig anfühlt

Eigentlich müsste Entspannung angenehm sein. Zumindest stellen wir sie uns so vor. Badewanne. Sofa. Meditation. Wochenende. Urlaub. Endlich nichts müssen. Doch wer lange unter Spannung gestanden hat, erlebt manchmal etwas ganz anderes: Sobald es still wird, steigt die Unruhe erst richtig auf.

Plötzlich werden Gedanken lauter. Der eigene Herzschlag fällt auf. Gefühle bekommen Raum, die tagsüber zwischen Terminen und Aufgaben kaum wahrnehmbar waren. Manche Menschen fühlen sich rastlos, andere leer oder merkwürdig unwohl. Es entsteht der Impuls, wieder etwas zu tun. Das kann verwirrend sein – vor allem dann, wenn daraus ein weiterer Selbstvorwurf entsteht: Warum kann ich nicht einfach entspannen?

Eine mögliche Erklärung liegt darin, dass Vertrautheit für unser Gehirn eine große Rolle spielt. Wenn Aktivierung über längere Zeit zum Normalzustand geworden ist, kann Ruhe zunächst ungewohnt wirken. Nicht unbedingt gefährlich, aber fremd. Hinzu kommt: Beschäftigung kann selbst eine Form der Regulation sein. Solange wir organisieren, arbeiten, scrollen, planen oder Probleme lösen, ist unsere Aufmerksamkeit gebunden. Fallen diese äußeren Reize weg, wird plötzlich wahrnehmbar, was vorher schon da war.

Die Ruhe erzeugt die Anspannung also nicht unbedingt. Manchmal macht sie sie nur hörbar.

„Aber es ist doch gar nichts“

Genau dieser Satz macht chronische Anspannung für viele Menschen so schwer verständlich. Objektiv betrachtet ist gerade tatsächlich nichts. Und trotzdem schlägt das Herz schneller. Trotzdem ist der Kiefer angespannt. Trotzdem wandert der Blick ständig zum Handy. Trotzdem fühlt sich der Sonntagabend nicht nach Wochenende an.

Wir neigen dazu, psychische und körperliche Reaktionen unmittelbar erklären zu wollen: Wenn ich angespannt bin, muss es doch jetzt einen Grund dafür geben. Unser Stresssystem funktioniert aber nicht ausschließlich nach diesem Prinzip. Es reagiert auf aktuelle Anforderungen, aber auch auf Erfahrungen, Erwartungen und gelernte Muster. Wenn dein Alltag deinem System über längere Zeit vermittelt hat, dass jederzeit die nächste Aufgabe, der nächste Konflikt oder die nächste Überforderung kommen kann, verschwindet diese Erwartung nicht zwangsläufig in dem Moment, in dem du dich aufs Sofa setzt.

Der Körper braucht manchmal länger als der Kalender.

Warum dann plötzlich Kleinigkeiten reichen

Eine dauerhafte Aktivierung verändert auch, wie viel zusätzliche Belastung wir noch gut verarbeiten können. Ein Glas, das fast voll ist, braucht keinen großen Schwall Wasser mehr, um überzulaufen. Deshalb kann es passieren, dass Menschen in belastenden Phasen auf Dinge ungewöhnlich stark reagieren, die sie normalerweise problemlos wegstecken würden: eine kurzfristige Terminänderung, ein quengelndes Kind, eine weitere E-Mail, ein Geräusch, eine Nachfrage oder die Entscheidung, was es zum Abendessen geben soll.

Von außen betrachtet scheint die Reaktion dann vielleicht nicht zur Situation zu passen. Von innen betrachtet reagiert das System aber nicht nur auf diesen einen Moment. Es reagiert aus einer bereits bestehenden Belastung heraus. Genau deshalb lohnt es sich, bei scheinbar „übertriebenen“ Reaktionen nicht nur auf den unmittelbaren Auslöser zu schauen.

In meinem Artikel Warum kleine Dinge dich plötzlich überfordern geht es genauer darum, warum unsere Belastbarkeit unter anhaltendem Stress sinken kann und weshalb kleine Anforderungen dann plötzlich erstaunlich groß werden.

Stress findet nicht nur im Kopf statt

Wenn wir über psychische Belastung sprechen, klingt es manchmal so, als würde sie vor allem aus Gedanken bestehen. Dabei ist Stress immer auch körperlich. Herzschlag, Muskelspannung, Atmung, Verdauung, Schlaf, Aufmerksamkeit und hormonelle Prozesse sind Teil desselben Systems. Psyche und Körper laufen nicht unabhängig voneinander – sie beeinflussen sich fortlaufend gegenseitig.

Deshalb kann sich anhaltende Belastung sehr körperlich anfühlen. Und umgekehrt beeinflusst ein dauerhaft aktiviertes Stresssystem auch unser psychisches Erleben. Wer schlecht schläft, ständig angespannt ist und kaum echte Erholungsphasen erlebt, wird häufig reizbarer. Konzentration fällt schwerer. Emotionen lassen sich weniger gut regulieren. Sorgen können schneller Raum einnehmen. Kleine Probleme wirken größer.

Das bedeutet nicht, dass jedes psychische Problem auf ein „dysreguliertes Nervensystem“ zurückzuführen wäre. Dafür ist psychische Gesundheit viel zu komplex. Aber das Nervensystem ist ein wichtiger Teil davon. Unsere psychische Verfassung entsteht immer im Zusammenspiel verschiedener Ebenen: biologischer Prozesse, persönlicher Erfahrungen, Gedanken und Gefühle, Beziehungen, Lebensbedingungen und aktueller Belastungen. Gerade deshalb greift die Vorstellung zu kurz, man müsse sich bei innerer Unruhe einfach ein bisschen mehr zusammenreißen – oder eben endlich richtig entspannen.

Das Nervensystem beruhigen heißt nicht, einen Schalter umzulegen

Vielleicht liegt genau hier eines der größten Missverständnisse rund um Selbstregulation. Wir behandeln Entspannung häufig wie eine Tätigkeit: zehn Minuten Atemübung, eine Meditation, ein Spaziergang, Handy weg, Kerze an. Und dann soll der Körper bitte verstanden haben, dass jetzt Feierabend ist.

Solche Dinge können hilfreich sein. Aber Regulation ist kein Knopf, den wir drücken und damit zuverlässig einen bestimmten Zustand herstellen. Ein Nervensystem, das über längere Zeit auf Aktivierung eingestellt war, braucht häufig wiederholte Erfahrungen davon, dass es nicht ständig reagieren muss.

Dabei kann es viel hilfreicher sein, Entspannung nicht als Leistung zu betrachten, die gelingen oder misslingen kann. Denn auch der Satz Ich muss jetzt endlich runterkommen enthält bereits wieder eine Anforderung. Und ausgerechnet Ruhe wird damit zur nächsten Aufgabe auf der Liste.

Vielleicht geht es zunächst gar nicht um Entspannung

Wenn du dein Nervensystem beruhigen möchtest, muss der erste Schritt deshalb nicht unbedingt darin bestehen, möglichst tiefenentspannt zu werden. Manchmal ist es hilfreicher, überhaupt wieder wahrzunehmen, wann das eigene System hochfährt. Wie fühlt sich Anspannung bei dir an, bevor sie sehr stark wird? Woran merkst du, dass dein Körper gerade auf Bereitschaft schaltet? Was passiert in Situationen, in denen du eigentlich Pause hättest?

Und gibt es kleine Momente, in denen dein System von selbst etwas weicher wird – beim Gehen, unter der Dusche, im Gespräch mit einem vertrauten Menschen, draußen in der Natur, beim Lesen oder wenn du für einen Moment nichts entscheiden musst? Das sind keine Nebensächlichkeiten. Selbstregulation beginnt nicht erst dort, wo völlige Ruhe herrscht. Sie beginnt oft viel früher: beim Wahrnehmen, beim Einordnen und bei der Erfahrung, zwischen Aktivierung und Entspannung überhaupt wieder wechseln zu können.

Dein Körper arbeitet nicht gegen dich

Daueranspannung kann unglaublich anstrengend sein. Besonders dann, wenn man längst weiß, dass man sich eigentlich erholen müsste – und es trotzdem nicht schafft. Vielleicht hilft dann ein anderer Blick auf das, was passiert.

Dein Nervensystem ist nicht schlecht im Entspannen. Es versucht auch nicht, dir das Leben schwerzumachen. Es tut etwas, das grundsätzlich sinnvoll ist: Es orientiert sich an Erfahrungen und versucht vorherzusagen, was als Nächstes gebraucht werden könnte. Wenn über längere Zeit Wachsamkeit gefragt war, wird Wachsamkeit wahrscheinlicher. Wenn Anspannung zum Alltag gehört hat, fühlt sie sich irgendwann vertraut an. Und wenn Ruhe selten geworden ist, kann auch sie etwas sein, an das sich ein Organismus erst wieder gewöhnen muss.

Das verändert nicht sofort, wie sich dein Körper anfühlt. Aber vielleicht verändert es die Frage.

Nicht mehr:
Warum kann ich nicht einfach entspannen?

Sondern:
Was hat mein System eigentlich gelernt – und was braucht es, um langsam wieder etwas anderes lernen zu können?

Birthe Claußen
Birthe Claußen
Ich bin Birthe, Gründerin von muutu und Aktivistin für psychische Gesundheit. Und nein – bei muutu geht’s nicht um Wellness, nicht um Selbstoptimierung und schon gar nicht um „Tschaka, du schaffst das!“-Coaching. Hier gibt’s keine schnellen Tipps oder gut gemeinte Ratschläge, sondern echte, nachhaltige Veränderungsprozesse. Es geht ums große Ganze: um deine Wünsche und Ängste, um alte Muster und neue Wege. Um psychische Gesundheit – tiefgehend, ehrlich und langfristig. Weil das Leben nicht nur besser funktioniert, wenn du dich veränderst, sondern sich wirklich gut anfühlen darf.

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