Warum Selbstoptimierung uns nicht hilft

Birthe Claußen
von Birthe Claußen

Wir sollen achtsamer werden, gelassener reagieren, gesünder leben und unsere Gedanken besser steuern. Selbstoptimierung verspricht uns ein zufriedeneres Leben. Doch was passiert, wenn selbst unsere psychische Gesundheit zu einer Aufgabe wird, die wir möglichst gut erledigen sollen?

Der Wecker klingelt. Noch bevor der Tag richtig begonnen hat, gibt es bereits einiges zu verbessern. Vielleicht fünf Minuten meditieren, um entspannter zu starten. Ein gesundes Frühstück, ein paar Schritte an der frischen Luft, die Bildschirmzeit reduzieren. Zwischendurch bewusst atmen, negative Gedanken hinterfragen und am Abend noch drei Dinge notieren, für die wir dankbar sind. Für sich genommen ist an all dem wenig auszusetzen. Bewegung tut gut. Achtsamkeit kann helfen, Stress zu regulieren. Und sich mit den eigenen Gedanken und Gefühlen auseinanderzusetzen, kann durchaus sinnvoll sein.

Doch irgendwo zwischen Morgenroutine, Dankbarkeitstagebuch und dem nächsten Ratgeber hat sich eine bemerkenswerte Vorstellung etabliert: Dass wir uns nur ausreichend um uns selbst kümmern müssten, um gesund, ausgeglichen und zufrieden zu sein. Und dass es, wenn uns das nicht gelingt, möglicherweise daran liegt, dass wir noch nicht genug an uns gearbeitet haben.

Schwarz-Weiß-Porträt einer Frau mit geschlossenen Augen und den Händen auf der Brust – symbolisch für Innehalten und Selbstwahrnehmung statt ständiger Selbstoptimierung.

Wenn das eigene Leben zum Verbesserungsprojekt wird

Selbstoptimierung ist längst mehr als ein persönliches Interesse an Weiterentwicklung. Sie ist Teil einer gesellschaftlichen Kultur geworden, in der beinahe jeder Lebensbereich unter dem Gesichtspunkt betrachtet wird, ob er sich noch verbessern lässt. Wir optimieren unsere Ernährung, unseren Schlaf, unsere Produktivität und unsere Beziehungen. Wir wollen effizienter arbeiten, bewusster leben und emotional kompetenter werden. Selbst Erholung soll möglichst wirksam sein. Der Spaziergang dient der Stressreduktion, die Meditation der Konzentrationsfähigkeit und der Urlaub der Regeneration für den nächsten Arbeitsabschnitt. Was ursprünglich dem eigenen Wohlbefinden dienen sollte, folgt damit zunehmend derselben Logik wie unsere Arbeitswelt: Es geht um Fortschritt, Leistung und messbare Ergebnisse.

Das Problem ist nicht der Wunsch, etwas zu verändern. Menschen entwickeln sich, lernen dazu und gestalten ihr Leben. Das gehört zu unserem psychologischen Grundbedürfnis nach Selbstbestimmung und Wirksamkeit. Problematisch wird es dort, wo aus der Möglichkeit zur Veränderung eine Verpflichtung zur Verbesserung entsteht. Wenn wir nicht mehr fragen, was uns guttut, sondern was wir noch besser machen könnten. Wenn wir Ruhe nicht mehr genießen, sondern für unsere Leistungsfähigkeit nutzen. Und wenn selbst schwierige Gefühle als Hinweis darauf verstanden werden, dass wir an unserer inneren Haltung arbeiten müssen. Dann wird aus Selbstfürsorge eine weitere Anforderung.

Die stille Botschaft: Du bist verantwortlich für dein Wohlbefinden

Ein wesentlicher Bestandteil der Selbstoptimierungskultur ist die Vorstellung, dass wir unser psychisches Wohlbefinden weitgehend selbst in der Hand haben. Wir sollen lernen, unsere Gedanken zu verändern, unsere Emotionen zu regulieren und mit Belastungen konstruktiv umzugehen. Dahinter stehen durchaus sinnvolle psychologische Ansätze. Die kognitive Verhaltenstherapie beispielsweise beschäftigt sich damit, wie Gedanken, Gefühle und Verhalten zusammenwirken. Achtsamkeitsbasierte Verfahren können helfen, einen anderen Umgang mit belastenden inneren Erfahrungen zu entwickeln. Doch wissenschaftlich fundierte Methoden verlieren etwas Entscheidendes, wenn sie aus ihrem Zusammenhang gelöst und zu allgemeinen Lebensregeln erklärt werden. Aus der Erkenntnis, dass wir Einfluss auf unser Erleben nehmen können, wird dann schnell die Erwartung, dass wir es auch jederzeit können müssten.

Wer erschöpft ist, sollte besser auf seine Grenzen achten. Wer gestresst ist, muss lernen, sich zu entspannen. Wer unzufrieden ist, sollte seine Einstellung verändern. So verschiebt sich die Aufmerksamkeit zunehmend von den Bedingungen, unter denen Menschen leben, auf die Frage, wie gut sie mit diesen Bedingungen umgehen. Dabei entsteht psychische Gesundheit nicht unabhängig von unserem Umfeld. Sie wird durch biologische Voraussetzungen, persönliche Erfahrungen, soziale Beziehungen, materielle Sicherheit und gesellschaftliche Lebensbedingungen beeinflusst. Ein Mensch, der dauerhaft unter hoher Arbeitsbelastung steht, kann von Entspannungsverfahren profitieren. Doch wenn die Arbeitsbedingungen unverändert bleiben, lässt sich die Belastung nicht allein durch eine bessere Atemtechnik auflösen.

Eine alleinerziehende Mutter, die zwischen Erwerbsarbeit, Kinderbetreuung und Haushalt kaum Zeit für sich findet, braucht möglicherweise nicht noch eine weitere Empfehlung zur Selbstfürsorge. Vielleicht braucht sie vor allem Entlastung. Und wer unter finanzieller Unsicherheit leidet, wird durch positives Denken nicht automatisch weniger existenzielle Sorgen haben. Die Vorstellung, jeder Mensch sei selbst für sein Wohlbefinden verantwortlich, übersieht, wie unterschiedlich die Möglichkeiten verteilt sind, das eigene Leben tatsächlich zu gestalten.

Wenn aus Verantwortung Schuld wird

Psychologisch betrachtet ist das Bedürfnis nach Kontrolle durchaus nachvollziehbar. Wir möchten erleben, dass unser Handeln etwas bewirkt. Dass wir schwierigen Situationen nicht hilflos ausgeliefert sind. In der Psychologie wird diese Überzeugung unter anderem mit dem Begriff der Selbstwirksamkeit beschrieben. Gemeint ist das Vertrauen, Herausforderungen durch eigenes Handeln beeinflussen und bewältigen zu können. Selbstwirksamkeit ist eine wichtige psychologische Ressource. Sie kann dazu beitragen, dass Menschen auch unter schwierigen Bedingungen handlungsfähig bleiben. Doch zwischen Selbstwirksamkeit und vollständiger Selbstverantwortung liegt ein entscheidender Unterschied: Wir können Einfluss auf unser Leben nehmen, ohne alles kontrollieren zu können.

Wenn diese Grenze verschwimmt, bekommt psychische Belastung eine zusätzliche Bedeutung. Wer trotz aller Bemühungen weiterhin erschöpft, ängstlich oder niedergeschlagen ist, erlebt möglicherweise nicht nur die ursprüngliche Belastung. Hinzu kommt das Gefühl, an der eigenen Bewältigung zu scheitern. Andere schaffen es doch auch. Vielleicht bin ich einfach nicht diszipliniert genug. Vielleicht müsste ich konsequenter sein, positiver denken, mehr an mir arbeiten. Aus einem schwierigen Zustand wird auf diese Weise ein vermeintliches persönliches Versagen. Das kann Scham und Selbstkritik verstärken und damit genau jene psychischen Prozesse begünstigen, die Menschen ohnehin belasten. Besonders widersprüchlich wird es, wenn wir beginnen, uns dafür zu kritisieren, dass wir noch nicht gelassen genug mit uns selbst umgehen.

Psychische Gesundheit ist kein Anpassungsprojekt

Hinter vielen Angeboten zur Selbstoptimierung steht unausgesprochen eine bestimmte Vorstellung davon, wie ein psychisch gesunder Mensch sein sollte. Belastbar, flexibel, emotional ausgeglichen, resilient. Jemand, der auch unter Druck leistungsfähig bleibt, Konflikte souverän löst und Herausforderungen als Entwicklungschancen betrachtet. Diese Eigenschaften können hilfreich sein. Doch sie werfen eine gesellschaftliche Frage auf: Geht es bei psychischer Gesundheit darum, Menschen in ihrem Wohlbefinden zu stärken? Oder zunehmend darum, sie widerstandsfähiger gegenüber Bedingungen zu machen, die selbst belastend sind?

Gerade der Begriff Resilienz zeigt diese Spannung. Resilienz beschreibt die Fähigkeit beziehungsweise den Prozess, sich trotz erheblicher Belastungen psychisch anzupassen und Entwicklungsmöglichkeiten zu erhalten. Sie ist keine unveränderliche Persönlichkeitseigenschaft und bedeutet auch nicht, jederzeit stark sein zu müssen. Resilienz entsteht vielmehr im Zusammenspiel individueller, sozialer und struktureller Schutzfaktoren. In der öffentlichen Diskussion wird daraus jedoch häufig eine individuelle Aufgabe: Menschen sollen resilienter werden, um mit steigenden Anforderungen besser zurechtzukommen. Das ist nicht grundsätzlich falsch. Aber es ist unvollständig. Denn wenn wir ausschließlich daran arbeiten, Menschen belastbarer zu machen, geraten die Ursachen ihrer Belastung leicht aus dem Blick.

Vielleicht ist nicht jede Erschöpfung ein Hinweis auf mangelnde Stresskompetenz. Vielleicht ist sie manchmal eine nachvollziehbare Reaktion auf dauerhaft zu hohe Anforderungen. Vielleicht muss nicht jeder Mensch lernen, noch besser mit Druck umzugehen. Vielleicht müsste an manchen Stellen schlicht der Druck geringer werden. Diese Perspektive habe ich auch im Beitrag Erschöpfung ist kein individuelles Problem aufgegriffen. Psychische Gesundheit bedeutet nicht, sich möglichst reibungslos an jede Lebensbedingung anzupassen. Sie kann ebenso bedeuten, Belastungen als solche zu erkennen, Grenzen wahrzunehmen und Bedingungen infrage zu stellen.

Warum wir nicht jedes unangenehme Gefühl verändern müssen

Ein weiterer Gedanke der Selbstoptimierungskultur ist die Vorstellung, dass unangenehme Gefühle möglichst schnell überwunden werden sollten. Traurigkeit soll in Zuversicht verwandelt werden, Unsicherheit in Selbstvertrauen und Stress in Gelassenheit. Für nahezu jedes unangenehme Erleben scheint es eine passende Methode zu geben. Dabei erfüllen Gefühle wichtige psychologische Funktionen. Angst kann auf eine wahrgenommene Bedrohung aufmerksam machen. Wut kann signalisieren, dass eine persönliche Grenze verletzt wurde. Traurigkeit kann eine Reaktion auf Verlust sein. Und Erschöpfung kann darauf hinweisen, dass die eigenen Ressourcen über längere Zeit stark beansprucht wurden. Natürlich sind Gefühle nicht immer zuverlässige Hinweise auf die tatsächliche Situation. Sie können durch frühere Erfahrungen, erlernte Bewertungsmuster oder psychische Erkrankungen beeinflusst sein. Doch sie sind auch nicht grundsätzlich Störungen, die möglichst schnell beseitigt werden müssen.

In der Akzeptanz- und Commitment-Therapie, kurz ACT, wird deshalb unter anderem daran gearbeitet, inneren Erfahrungen mit größerer Offenheit zu begegnen, anstatt sie permanent kontrollieren oder vermeiden zu wollen. Das bedeutet nicht, schwierige Lebensumstände einfach hinzunehmen. Es bedeutet zunächst, zwischen dem zu unterscheiden, was wir gerade erleben, und der Frage, wie wir damit umgehen möchten. Manchmal entsteht psychische Entlastung nicht dadurch, dass ein unangenehmes Gefühl verschwindet. Sondern dadurch, dass wir aufhören, zusätzlich gegen seine bloße Anwesenheit anzukämpfen. Nicht jedes Gefühl braucht eine Lösung. Manches braucht zunächst Aufmerksamkeit, Verständnis und einen angemessenen Platz.

Verstehen statt ständig verbessern

Was wäre also, wenn wir psychische Gesundheit weniger als fortlaufendes Verbesserungsprojekt betrachten würden? Wenn wir nicht bei jeder Schwierigkeit sofort fragen würden, welche Fähigkeit uns noch fehlt oder welche Gewohnheit wir verändern müssten? Vielleicht könnten wir zunächst versuchen zu verstehen, was eigentlich geschieht. Warum bin ich gerade so erschöpft? Welche Anforderungen wirken auf mich ein? Welche Erfahrungen prägen meine Reaktionen? Welche Bedürfnisse kommen möglicherweise zu kurz? Und welche Bedingungen kann ich beeinflussen – welche nicht? Solche Fragen verändern den Blick auf psychische Belastungen. Sie lösen uns ein Stück weit aus der Vorstellung, dass jedes Problem durch mehr Disziplin, eine bessere Einstellung oder die richtige Methode zu bewältigen sei.

Psychologische Begleitung kann genau hier ansetzen. Nicht mit dem Ziel, Menschen möglichst schnell in eine leistungsfähigere Version ihrer selbst zu verwandeln. Sondern indem sie hilft, Zusammenhänge zu erkennen, das eigene Erleben einzuordnen und Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln. Manchmal führt das zu konkreten Veränderungen im Verhalten. Manchmal zu einer anderen Bewertung der eigenen Situation. Manchmal zu einer notwendigen Grenze, einer Entscheidung oder der Erkenntnis, dass Unterstützung gebraucht wird. Und manchmal besteht ein wichtiger erster Schritt schlicht darin, sich nicht länger für etwas verantwortlich zu machen, das außerhalb des eigenen Einflussbereichs liegt. Das ist keine Absage an persönliche Entwicklung. Es ist eine andere Vorstellung davon, wie Entwicklung entstehen kann. Nicht aus dem ständigen Gefühl heraus, noch nicht gut genug zu sein. Sondern aus einem besseren Verständnis für sich selbst und die Bedingungen des eigenen Lebens.

Wir müssen nicht immer besser werden

Vielleicht liegt einer der größten Widersprüche unserer Zeit darin, dass wir uns selbst unter dem Anspruch, gesünder und zufriedener zu leben, immer neue Anforderungen auferlegen. Wir wollen weniger Stress und setzen uns unter Druck, besser zu entspannen. Wir wünschen uns mehr Selbstakzeptanz und kritisieren uns dafür, dass wir sie noch nicht erreicht haben. Wir möchten achtsamer leben und verwandeln selbst die Achtsamkeit in eine Aufgabe, die es konsequent zu erfüllen gilt.

Dabei ist psychische Gesundheit kein Zustand permanenter Ausgeglichenheit. Sie bedeutet nicht, immer die richtigen Entscheidungen zu treffen, jede Herausforderung souverän zu bewältigen oder das eigene Potenzial vollständig auszuschöpfen. Menschen dürfen unsicher sein, erschöpft, widersprüchlich und manchmal auch überfordert. Nicht jedes schwierige Erleben ist ein Zeichen dafür, dass etwas an ihnen verbessert werden muss. Vielleicht brauchen wir deshalb weniger Anleitungen, wie wir noch besser werden können. Und mehr Raum, um zu verstehen, warum uns das Leben manchmal so viel abverlangt.

Denn nicht alles, was Veränderung verspricht, führt zu mehr psychischer Gesundheit. Und nicht alles, was uns belastet, lässt sich lösen, indem wir an uns selbst arbeiten.

Birthe Claußen
Birthe Claußen
Ich bin Birthe, Gründerin von muutu und Aktivistin für psychische Gesundheit. Und nein – bei muutu geht’s nicht um Wellness, nicht um Selbstoptimierung und schon gar nicht um „Tschaka, du schaffst das!“-Coaching. Hier gibt’s keine schnellen Tipps oder gut gemeinte Ratschläge, sondern echte, nachhaltige Veränderungsprozesse. Es geht ums große Ganze: um deine Wünsche und Ängste, um alte Muster und neue Wege. Um psychische Gesundheit – tiefgehend, ehrlich und langfristig. Weil das Leben nicht nur besser funktioniert, wenn du dich veränderst, sondern sich wirklich gut anfühlen darf.

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